Frankreich
10. September 2022
Der Traum stirbt bis er wieder lebt
Große Entscheidungen brauchen Ehrlichkeit, Zweifel und Blickkontakt mit dem Traum.
Ich erkläre mich hier nicht aus schlechtem Gewissen heraus, sondern möchte euch auf meiner Reise, wenn große Entscheidungen anstehen, auch in meine Gedankenwelt zur Entscheidungsfindung mitnehmen. Einige werden es verstehen, andere werden sagen “Ich würde da anders entscheiden.” Beides ist vollkommen okay, aber das hier ist mein Leben.
Seit meiner Kindheit träume ich vom Entdecken, Begegnen, Kennenlernen und Reisen. Vor einigen Jahren manifestierte sich der Gedanke, einer Reise zu Fuß durch die Welt. Meine Frau konnte sich nicht vorstellen, auf diese Reise mitzukommen, geschweige denn Gefallen daran zu finden. Aber sie gab mir die Freiheit, meinen Traum zu leben. Dafür gilt ihr mein allergrößter Dank! Sie selbst haderte Jahre lang mit sich selbst, mir und ihren Ängsten, ob sie ein Stückchen mitkommt. Schlussendlich übersprang sie ihren Schatten und kam mit. Während für mich der Aspekt, das Ende der Reise nicht zu kennen, eine enorm wichtige Rolle spielt, stand für sie fest, dass für sie, das Abenteuer nur ein paar Tage, Wochen oder maximal Monate geht. Danach kehrt sie in ihre gewohnte Sicherheit zurück. Dem entsprechend planten wir, kalkulierten und reisten so. Sie hielt sich immer die Option offen, jederzeit zurückkehren zu können. Das war wichtig, denn ohne diese Option währe sie höchstwahrscheinlich nicht mitgekommen.
Ich glaube nicht, dass irgendjemand ihr zugetraut hätte, auf dieser Reise länger durchzuhalten, physisch und mental, am wenigsten sie selbst. Ich dachte immer, wenn sie gefallen daran findet und es von selbst will, dann ist sie zu allem in der Lage! Aber eben nur, wenn sie es will und nicht meinetwegen macht, auch nicht, nur um bei mir zu sein.
Sie kam mit und sie lief 1.100 km bis zum Mittelmeer. Dabei musste sie sehr oft, sehr weit über ihre Grenzen gehen. Sei es in Wanderklamotten durch Innenstädte zu laufen, nicht perfekt zurechtgemacht zu sein, bei Kälte und Regen, steile, lange Berge, einen 40 kg schweren Anhänger hochzuziehen, bei über 40 Grad Hitze endlose Geraden ohne Schatten zu laufen, sich auf Campingplätzen Dusche, Waschbecken und Toilette mit tausend anderen Leuten zu teilen, trotz großer Angst im Wald zu schlafen, nachts im Wald auf “Toilette” zu gehen, auf engen Straßen den schnell entgegenkommenden Autos den Platz abzuringen, von fremden Menschen in fremden Sprachen angesprochen zu werden, keine räumliche Distanz von mir und keine wirkliche Privatsphäre zu haben,…
All das tat sie und noch vieles mehr und noch nie habe ich sie über längere Zeit so glücklich gesehen. Natürlich hat sie auch geweint, natürlich hätte sie öfters gern mal aufgegeben und hatte auch sehr oft die Gelegenheit dazu. Aber sie ging weiter, immer weiter, Schritt für Schritt und fand schließlich Gefallen daran. Gefallen am Unterwegssein, am Reisen, nicht unbedingt am ständigen Laufen. Aber auch das wäre ihr lieber gewesen, als in ihre früher so benötigte Sicherheit zurückzukehren.
Wir schoben es, so lange es ging hinaus, doch dann kam der Zeitpunkt, an dem sie nach Hause musste. Dort fühlte sie sich plötzlich total fehl am Platz, was soll sie in der Wohnung, wozu braucht sie diese vollen Kleiderschränke, da war niemand, mit dem sie ihre Erlebnisse wirklich teilen konnte, denn jeder lebte verständlicher Weise in seiner Welt. Aber die übersprudelnden Eindrücke der letzten Monate wollten verarbeitet werden. Sie war unglücklich, gestresst und in kürzester Zeit sehr traurig.
Bereits am ersten Tag, als ich weiterlief, spürte ich, wie sehr sie mir fehlt, wie gerne ich mit ihr zusammen bin, wie schön es ist, diese Erlebnisse mit ihr teilen zu können. All das hätte ich überwunden, wenn sie, wie vorher angedacht, ihr Leben zu Hause glücklich weiterlebt. Doch nun habe ich immer im Hinterkopf, dass sie unglücklich ist und gerne mit auf der Reise wäre. So haderte ich mit mir sehr lang und überlegte, was ich tue. Denn hier geht es auch um mein Leben, um meinen Traum, den ich Leben wollte, ich freute mich riesig auf Indien und Indonesien und es war ja alles so ausgemacht, wie es momentan ist.
Klar könnte ich sagen, komm wieder her, wir laufen zusammen weiter. Doch das wäre sehr kurzsichtig, denn die Finanzen waren eben anders kalkuliert.
In vielen Telefonaten sprachen wir über verschiedenste Arten des Reisens und da wir nicht viel Geld haben, kristallisierte sich eine Reisevariante heraus, auf die wir uns einigten. Das war der einfache Teil, nun müssen Wege gefunden werden, diese nächste Reise langfristig zu finanzieren. Auch da haben wir Ideen, doch, ob diese funktionieren, wissen wir nicht und selbst wenn, sie etwas Geld abwerfen, wird es lange dauern, bis wir davon leben können. Nur Eines steht fest, wir werden zusammen weiterreisen und alles versuchen!
Dennoch war ich die letzten Wochen sehr unsicher, ob diese Entscheidung richtig ist. Neben Johanna gibt es noch vier weitere Menschen in meinen Leben, die für mich das Wichtigste in der Welt sind. Da sind zum einen die zwei allerwichtigsten, Lilly und Anton, meine Kids aus erster Ehe, mein großer Bruder Thomas, der immer für mich da ist und Eddy, der mich leider seit zwei Jahren von oben herab beschützt. Jedenfalls sagte Lilly in unserem letzten Telefonat, als ich ihr von meinen Überlegungen erzählte: “Ich finde es riesig toll, das du nicht stur deinen Traum durchziehst, sondern Rücksicht auf Johanna nimmst und solche Kompromisse eingehst.” Spätestens danach, war der Groschen bei mir richtig gefallen und die Entscheidung stand nun zweifelsfrei fest.
So lasse ich diese jetzige Reise erstmal langsam auslaufen, gehe noch ca. 10 Lauftage bis Genua und fahre von dort aus, mit dem Flixbus zu Johanna. Dort werden wir mit Hochdruck an dem Start der neuen Reise und vor allem dem Fundament derer Finanzierung arbeiten. Somit ist auch die Frage für mich geklärt, was mache ich im Winter =)